5 questions to

Julia Tiganj

Julia Tiganj untersucht am FZN die sozio-ökonomischen Aspekte des Nachbergbaus. In Zeiten der Rohstoffknappheit und der Energiewende fällt der Blick der jungen Wirtschaftswissenschaftlerin dabei vor allem auf China. Schafft die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt den Umschwung zu Erneuerbaren Energien? Wo liegen die größten Herausforderungen und was hat der Rest der Welt davon? Die Forschungslage ist noch recht dünn, doch das Thema gerade brandheiß, sagt Julia Tiganj im Interview.

Ihre Einschätzung als Expertin: Wo steht China bei der Energiewende und beim Nachbergbau?

Julia Tiganj: Das kommt darauf an, wo man hinschaut. Es gibt in China viele Provinzen, die wiederum sehr divers sind, wenn wir uns beispielsweise die Abhängigkeit von der Kohle anschauen. Es gibt Regionen, die schon jetzt nachhaltig arbeiten. Auf der anderen Seite stehen Provinzen, deren Wirtschaft stark vom Bergbau abhängt. Die Kohle sichert hier eine Menge Arbeitsplätze, Steuern, Renten und beeinflusst natürlich auch positiv das Wirtschaftswachstum im gesamten Land – eines der primären Ziele Chinas. Die Kluft ist also groß. Daher wird es in Zukunft schwierig sein, den vielen unterschiedlichen Bedürfnissen und den Menschen in den Regionen gerecht zu werden. Es gibt interessante Pilotprojekte, z. B. wird über eine Folgenutzung alter Bergwerke für „underground cities“ nachgedacht, um dem Platzmangel in den Städten entgegenzuwirken. Über die Idee lässt sich natürlich streiten – sie ist aber ziemlich innovativ und beinhaltet die Auseinandersetzung mit Nachbergbau. Auch in der Satellitentechnik ist China führend. Hier ist aber die Frage, inwieweit dieses Knowhow auch tatsächlich eingesetzt wird, um die Hinterlassenschaften des Bergbaus zu überwachen.

Wo liegen die größten Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Julia Tiganj: Steinkohle ist noch immer die einfachste und sicherste Art, die Energieversorgung zu gewährleisten. China will bis 2060 klimaneutral sein. Das beinhaltet aber auch, dass bis 2030 der höchste Peak beim CO2-Ausstoß erfolgt sein muss. Momentan werden daher sogar noch neue Steinkohlenkraftwerke gebaut, die auf eine Laufzeit von 40 Jahren ausgelegt sind. Diese Kraftwerke entsprechen allerdings den neuesten Umweltstandards und sollen veraltete, ineffiziente Anlagen ablösen. Gleichzeitig ist China schon jetzt einer der Marktführer bei den Erneuerbaren Energien. Hier werden rund 90 Prozent der Energiekonzentrate produziert, die für Solarpanele, Siliziumbatterien oder in der Windkraft eingesetzt werden. Bisher hatte der Klimaschutz im eigenen Land keine Priorität. Der neueste 5-Jahres-Plan zeigt aber deutlich, dass China „grüner“ werden will und die Dringlichkeit erkannt hat.

Was bedeutet denn in diesem Fall „grüner“?

Julia Tiganj: Das ist die nächste große Herausforderung. Denn auch die erneuerbaren Alternativen produzieren ja CO2 und sind noch nicht 100% recycelbar. Rotorblätter von Windrädern landen z. B. nach nur 20 Jahren im Einsatz auf dem Sondermüll. Luftverschmutzung oder giftige Abwässer gefährden bestimmte Landstriche und die Bevölkerung, damit in einem anderen Teil der Welt schonend Energie erzeugt werden kann. Das ist keine Nachhaltigkeit, sondern nur eine Verschiebung der Klimaproblematik von A nach B unter dem Deckmantel einer grünen Zukunft. Das ganze Setting ist also noch längst nicht optimal – und jetzt haben wir nicht einmal über den Arbeitsmarkt gesprochen und die langfristigen Herausforderungen, die ein Strukturwandel in chinesischen Kohlerevieren mit sich bringen würde. Trotzdem ist es ein wichtiger Schritt, zu sagen: Wir orientieren uns um, wir forschen und wir wollen die Transformation.

Was hat der Rest der Welt davon, wenn China klimaneutral wird?

Julia Tiganj: Wenn große, einflussreiche Player wie China mehr auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz achten, hat das positive Auswirkungen auf alle Mitspieler. Direkte Nachbarstaaten orientieren sich oftmals am dominanten China und dessen Ausrichtung. Je nach Abhängigkeiten im Import und Export ist auch eine Umorientierung in anderen Ländern nötig, um zeitgemäß mitzuhalten. Außerdem ist China ein wichtiger Handelspartner bei den Seltenen Erden und beeinflusst in hohem Maße die Fortschritte in der E-Mobilität in Europa oder den USA. Dies und noch viele weitere Aspekte tragen dazu bei, dass Prozesse global nachhaltiger werden. Generell ist noch viel Forschung und Entwicklung notwendig, damit die Energiewende tatsächlich gelingt. Auch hier kann ein „grünes“ China zum internationalen Innovationstreiber werden.

Vita – Julia Tiganj
Julia Tiganj hat an der Ruhr-Universität Bochum Economics and Politics of East Asia (Schwerpunkt Economics and China) studiert und anschließend den Master-Studiengang „International Political Economy of East Asia” absolviert. In ihren Abschlussarbeiten hat die Wirtschaftswissenschaftlerin dabei bereits die chinesische Steinkohlenindustrie in der Zukunftsperspektive betrachtet. Ihre Frage: „Welche Konsequenzen ergeben sich aus den jüngsten Entwicklungen hin zu mehr Erneuerbaren Energien und weniger Steinkohle im Hinblick auf gesellschaftliche Auswirkungen, politische und wirtschaftliche Strukturen und dem Aspekt des Nachbergbaus?“ Die 26-Jährige spricht mehrere Sprachen, darunter Chinesisch und Russisch, und will in ihrer geplanten Doktorarbeit Energiepolitik und Strukturwandel in China noch vertiefter beleuchten.

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Julia Tiganj, B.A.

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