Nachbergbau erfahren: Besondere Radtour durch Bochum

By 6. Mai 2024Juni 27th, 2024Veranstaltung

Wenn sich Peter Pusch auf sein Fahrrad schwingt, gehören die Orte der Industriekultur zu seinen erklärten Lieblingszielen. „Mich reizt eigentlich alles, was mit Bergbau zu tun hat“, sagt der 69-jährige aus Bochum-Hofstede. „Schon mein Vater, Großvater und Schwiegervater waren Bergleute, darum bin ich sehr daran interessiert.“ Heute hat er sich einer besonderen Tour angeschlossen, die die Hinterlassenschaften des Steinkohlenbergbaus mal anders unter die Lupe nimmt: Unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Rudolph von der Technischen Hochschule Georg Agricola (THGA) geht er mit rund 15 Teilnehmenden der VHS Bochum auf „Nachbergbau-Radtour“.

Mit dem Drahtesel auf Spurensuche: Peter Pusch, Prof. Dr. Tobias Rudolph und Alisa Kneip (v.l.n.r.) erkunden die Hinterlassenschaften des Bergbaus in Bochum.

„Bergbau hinterlässt Spuren, die uns umgeben – mal bewusst, mal unbewusst“, erklärt der Experte vom Forschungszentrum Nachbergbau der THGA. „Insbesondere in Bochum hat der Bergbau seinen Fußabdruck hinterlassen, und das praktisch an jeder Ecke. In unserer Themenroute wollen wir diese Spuren mit dem Fahrrad ‚erfahrbar‘ machen.“ Startpunkt ist natürlich die Heimathochschule: An der THGA am Nordring, der ehemaligen Bergschule Bochums, wurden einst die Fachkräfte für den Ruhr-Bergbau ausgebildet, heute studiert man hier moderne Ingenieurwissenschaften.

In unmittelbarer Nähe zur Hochschule wartet der erste stillgelegte Schacht der Zeche Präsident auf die Teilnehmenden: Wie werden solche alten Strukturen richtig gesichert? Wie wird ein Schacht verfüllt und wie lässt er sich überwachen? „Dies läuft auf jeden Fall anders ab, als die meisten meinen“, erklärt Prof. Rudolph. „So ein Schacht wird nämlich nicht von oben bis unten verfüllt – das würde zu viel Material verbrauchen. Stattdessen bekommt er eine Art ‚Beton-Korken‘, der vom natürlichen Gebirgsdruck gehalten wird.“ Um die Sicherheit zu gewährleisten, wird der Untergrund dauerhaft überwacht. Bisher noch mit Kontrollfahrten, demnächst mit passender Sensorik, die aktuell am Forschungszentrum Nachbergbau entwickelt wird.

Ewige Aufgaben und die Ressource Wasser

Bei der Weiterfahrt auf die Erzbahntrasse – ebenfalls eine Relikt aus dem industriellen Zeitalter – wird der VHS-Gruppe schnell klar: Beim Nachbergbau geht es vor allem um Sicherheit und Verantwortung: „In Deutschland ist ganz klar geregelt, dass sich der Betreiber eines Bergwerks auch lange nach der Schließung um die komplexen Aufgaben kümmern muss, die sich ergeben. Hier schmeißt keiner den Schlüssel weg und ist raus.“ Vor allem die sogenannten Ewigkeitsaufgaben spielen im Ruhrgebiet eine zentrale Rolle: „Diese Aufgaben befassen sich alle mit der Ressource Wasser in unserer Region – etwa mit dem kontrollierten Anstieg des Grubenwassers“, sagt Rudolph mit Blick auf das Schachtgerüst der ehemaligen Zeche Carolinenglück. Hier und an weiteren zentralen Standorten wird aktuell Grubenwasser gepumpt, um es auf einem Niveau zu halten, damit es sich nicht mit Trinkwasserreserven vermischt – eine riesige technische Herausforderung.

Eine weitere Zukunftsaufgabe ist der nachhaltige Umgang mit Oberflächenwasser. Dies erleben Peter Pusch und die Mitradelnden am Hüller Bach oder den Grummer Teichen. „Hier ist gut zu erkennen, die wie der intensive Bergbau die Oberflächenstruktur in unserer Region langfristig verändert hat“, erklärt Rudolph. Das Gelände hat sich teilweise so stark abgesenkt, dass große Mulden entstanden sind – die sogenannten Polderflächen. In diesen Gebieten können einige Gewässer nicht mehr frei abfließen. Die ‘tiefergelegten’ Bereiche müssen daher dauerhaft künstlich entwässert werden, damit sich das Wasser von Flüssen und Seen nicht staut.

Eingedeichte Bachläufe, Pumpwerke und ein veränderter Grundwasserstand sind die heimlichen Zeugen dieser Prozesse: „Heute haben wir schon viele ‚Aha-Momente‘ gehabt“, stellt Teilnehmerin Monika Ewert begeistert fest. Vor allem das Wassermanagement und die Zusammenhänge zur Bergbauvergangenheit unserer Region sind für viele spannend: „Solche Touren könnte man natürlich auch auf eigene Faust machen, sich informieren und einlesen. In der Gruppe macht es aber deutlich mehr Spaß – man hört die Geschichten der anderen und kann direkte Nachfragen stellen“, freut sich die Wattenscheiderin.

Im weiteren Verlauf erfahren die Teilnehmenden, was mit austretendem Methan passiert, wie ehemalige Flächen neu genutzt werden oder welche innovativen Methoden zum Einsatz kommen, um Industriekultur zu erhalten: „Ein Fördergerüst ist ursprünglich auf 50-60 Jahre Betriebszeit ausgelegt – inzwischen sind diese Objekte jedoch Wahrzeichen, Veranstaltungsorte oder Museen. Die Menschen hängen daran“, sagt Rudolph. Mit seinem wissenschaftlichen Team untersucht er deshalb, wie der Zerfall verhindert werden kann. Dazu schickt der Professor sogar Drohnen auf Kontrollflug, die mit optischen, thermalen und multispektralen Sensoren ausgestattet sind. Sie finden Rost und Schadstellen, die mit bloßem Auge kaum erkennbar sind. Diese Technik kam auch beim Fördergerüst des Deutschen Bergbau-Museums Bochum zum Einsatz, das aktuell saniert wird – der Endstation der bewegten Radtour durch den Bochumer Norden. „Halten Sie weiter die Augen offen“, appelliert Prof. Rudolph zum Abschluss: „Der Bergbau beeinflusst unsere Region, und das mitunter ewig. Er bietet aber auch nachfolgende Generationen tolle Chancen und Möglichkeiten zur Neugestaltung.“

Redaktion: Carmen Tomlik

Der Grundwasserspiegel gibt Rückschlüsse auf Senkungsbereiche des Bergbaus: Prof. Rudolph und Teilnehmer Ralf Eichenauer aus Gladbeck ermitteln den Wasserstand.


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